Treffen 16 - 21. Jänner 2026
Wir starten unser Treffen diesmal im Kunstraum in Innsbruck. Erläuterungen zu der Fotoserie und den Videoarbeiten erfolgen, nachdem wir uns die Ausstellung CLÉMENT COGITORE & ANDRZEJ STEINBACH angesehen haben – eine durchaus geglückte Variante.
Wenn Körper sprechen
„Figur I, Figur II“ ist eine auf den ersten Blick schlichte, zugleich jedoch irritierende Fotoserie von Andrzej Steinbach. In schwarz-weißen Hochformaten fotografiert er zwei junge Frauen in einem scheinbar neutralen Raum. Die Serie entzieht sich einer klaren Deutung. Sie lässt an politischen Protest, Genderfragen oder psychologische Studien denken, ohne sich festzulegen. Auch als Modefotografie lassen sich die Bilder nur bedingt lesen.
Die beiden Frauen – jeweils „Figur I“ und „Figur II“ – agieren ruhig und konzentriert vor der Kamera. Ihre Posen und Gesten verändern sich nur minimal. Streetwear wie Bomberjacken, Hoodies oder Springerstiefel sowie Tücher, T-Shirts und Sturmhauben als Formen der Vermummung verweisen auf Protestkulturen, ohne einer konkreten politischen Haltung zugeordnet werden zu können.
Gerade diese Offenheit ist zentral für die Arbeit. Der Ernst der Darstellung schließt einfache Rollenspiele aus, doch der Bezug zur Realität bleibt unklar. Statt Antworten zu liefern, fordert die Serie dazu auf, genau hinzusehen: auf Körperhaltungen, Mimik, Kleidung – und darauf, was Fotografie sichtbar macht und was sie offenlässt.
„Les Indes Galantes“ (2017) ist eine kurze Videoarbeit des französischen Künstlers und Filmemachers Clément Cogitore, die barocke Opernmusik mit zeitgenössischem Tanz verbindet. Anstelle klassischer Balletttänzer treten Krump-Tänzer:innen auf, deren kraftvolle Bewegungen aus afroamerikanischen Protest- und Street-Kulturen stammen. Die Arbeit überträgt ein historisches Werk in die Gegenwart und stellt Fragen nach kultureller Repräsentation, Macht und Zugehörigkeit. Durch die Verbindung von Hochkultur und Streetdance entsteht eine Spannung zwischen Tradition und Gegenwart, ohne eine eindeutige Botschaft vorzugeben.
Auch in seinem früheren Film „Tahrir“ (2012) beschäftigt sich Cogitore mit dem Verhältnis von Körper, Bild und politischem Kontext. Der Film zeigt Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo während der Proteste des Arabischen Frühlings. Die Kamera überlagert Momente von Protestierenden und Sicherheitskräften, in denen Hoffnung, Erschöpfung und Unsicherheit spürbar werden.
https://www.kunstraum-innsbruck.at/programm/clement-cogitore-andrzej-st…
Wenn der Garten zur Ansichtssache wird
Im Rahmen des Fototreffens wird das neue Projektthema vorgestellt, das die Gruppe durch das Jahr 2026 begleitet. Mit der vierten Ausgabe der Reihe startet erneut ein gemeinsames Fotoprojekt, zu dem alle Interessierten eingeladen sind.
Werner führt in das Thema „Ansichtssache Garten“ ein und erläutert, warum ein länger angelegtes Fotoprojekt eine besondere Chance bietet: Es fördert die eigene Motivation, ermöglicht eine vertiefte Auseinandersetzung und unterstützt ein mehrdimensionales Lernen. Dabei werden kreative Aspekte wie das Experimentieren und das Entwickeln einer eigenen Bildsprache ebenso angesprochen wie persönliche Erkenntnisse, emotionale Bindungen an das Thema und technische Fortschritte der Teilnehmenden. Der Austausch innerhalb der Gruppe wurde als wichtige Quelle für Inspiration hervorgehoben.
Anschließend stellt Werner grundlegende konzeptionelle Schritte vor: von der Themenfindung und Zielformulierung über Recherche und das Sammeln von Referenzen bis hin zur Entwicklung einer Bildidee, der praktischen Umsetzung sowie der Auswahl und Präsentation der Fotografien.
Zur Veranschaulichung werden Arbeiten von Karl Blossfeldt, Joachim Brohm, Jem Southam, Rinko Kawauchi, Martin Parr und Elina Brotherus gezeigt. Anhand dieser Beispiele wird diskutiert, wie unterschiedliche stilistische Mittel gezielt eingesetzt werden können, um ein fotografisches Ziel zu unterstützen.
Zum Abschluss werden die organisatorischen Eckpunkte des Projekts besprochen, darunter der zeitliche Ablauf sowie der Austausch und die Dokumentation der Arbeiten über die digitale Plattform „Padlet“. Der offene Dialog und das große Interesse bildet eine gute Grundlage für die gemeinsame Projektarbeit im kommenden Jahr.
Wenn Entschleunigung schwer wiegt
Ein weiterer Programmpunkt des Fototreffens widmet sich der analogen Fotografie. Christian Jähnl stellt seine Pentacon Six vor – eine Mittelformatkamera, die von manchen liebevoll „das Biest“ genannt wird, von anderen aber auch den Beinamen „die Diva“ trägt. Mit genau dieser Kamera hat Christian im Rahmen von „Ansichtssache Arbeit“ fotografiert.
Im Mittelpunkt der Vorstellung stehen zunächst die technischen Grundlagen der Pentacon Six. Christian erläutert Aufbau, Funktionsweise sowie die besonderen Stärken und Schwächen der Kamera. Thematisiert werden unter anderem ihr robustes, schweres Gehäuse, die charakteristische Handhabung und die Eigenheiten, die sie im praktischen Einsatz ebenso anspruchsvoll wie reizvoll machen. Dabei wurde deutlich, dass die Arbeit mit der Pentacon Six eine bewusste, entschleunigte Herangehensweise an Fotografie erfordert.
Wie bereits bei einem früheren Treffen bleibt es nicht bei der Theorie: Ein Film wird eingelegt und alle Teilnehmenden haben die Möglichkeit, die Kamera selbst in die Hand zu nehmen und zu fotografieren. So kann jede:r die besondere Haptik und Arbeitsweise der Pentacon Six unmittelbar erleben und ein Foto im wahrsten Sinne des Wortes „spüren“.
Wenn Bilder ihre Wirkung entfalten
Otmar Mosbacher berichtet von einem Druckworkshop mit Roberto Casavecchia, in dem sich alles um das professionelle Vorbereiten von Bildern für den Fine-Art-Print gedreht hat.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie digitale Fotografien so bearbeitet werden, dass sie ihre Wirkung auch auf Papier vollständig entfalten. Otmar stellt verschiedene Aktionen vor, die Bearbeitungsschritte automatisieren und dadurch schnelle, konsistente und reproduzierbare Ergebnisse ermöglichen.
Besonders anschaulich wird der Vergleich durch die Gegenüberstellung unterschiedlicher Drucke von Martin und Otmar. Direkt nebeneinander betrachtet, werden Unterschiede in Anmutung, Tiefe und Bildwirkung sichtbar. Die Diskussion in der Gruppe macht deutlich, wie stark feine Anpassungen im digitalen Prozess das gedruckte Bild beeinflussen.
Wenn Fotos Grenzen überwinden
Das Projekt „Übergänge – Wo Tirol beginnt“ von Rosi Gmachl-Mariacher befindet sich auf der Zielgeraden. Rosi hat dabei über 40 Grenzübergänge besucht und mehr als 700 Fotos gemacht.
Nach einer Vorauswahl ihrerseits hat sie gemeinsam mit Martin und Werner an einem Vormittag die Bildauswahl für die Ausstellung getroffen. Martin hat die ausgewählten Arbeiten bereits für die Ausstellung gedruckt und präsentiert vier davon. Die Gruppe ist begeistert von der Qualität und Wirkung der Drucke. Die Ausstellung eröffnet am 26. Februar in der Fotogalerie am Grillhof.
Anschließend gibt Ben einen Einblick, wie die Bilder auf dem Medienportal LEON präsentiert und weiterverwendet werden. Er zeigt die Fotostrecke eines Übergangs und ein interaktives H5P-Buch, in dem die Bilder in verschiedenen Übungen genutzt werden, um die Übergänge Tirols zu erkunden und visuell zu erleben.






